LEBENDiGe Nachbarschaft & Corona

„Wie ich die Corona-Pandemie im Jahr 2020 erlebt habe.“

Es traf uns alle wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Am Freitag, den 13. März 2020 wurde bekannt, dass in einer Nachbargemeinde ein positiv bestätigter Coronafall getestet wurde. Es herrschte Chaos. In unserer ländlichen Gemeinde war im wahrsten Sinne des Wortes ein Ausnahmezustand ausgebrochen.

Mein Handy wurde von Mitteilungen über Corona und deren Auswirkungen, mit beängstigenden Bildern und Videos überflutet. Mein Verstand kam gar nicht mehr zur Ruhe. Soviele Dinge und Sorgen gingen mir da durch den Kopf. Meine Freundinnen erzählten per WhatsApp, dass die Supermarktregale leergeräumt sind. Schlangen von Menschen bildeten sich vor unserer ortsansässigen Apotheke. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Es machte mir Angst. Es war eine unheimliche Situation. Stündlich lauschten wir den Bekanntgaben durch die Regierung, die versuchte die Menschen aufzuklären, aber auch bewusst zu machen, dass wir eine Krankheitswelle versuchen mussten so gut wie möglich einzudämmen. Und dass jeder dazu aufgefordert wird, seine sozialen Kontakte so gut wie möglich einzuschränken. Wir fühlten uns ohnmächtig, wie in einem schlechten Traum, aus dem wir hoffentlich gleich aufwachen würden! Die Menschen reagierten mit Panik und tätigten Hamsterkäufe, auch ich ließ mich von dieser Angst anstecken und hortete Lebensmittel für mehrere Wochen zu Hause. Es war schrecklich.

Auch vom Arbeitgeber wurden wir in den Tagen darauf aufgefordert, vorerst zuhause zu bleiben und soweit wie möglich im Home-Office zu arbeiten. Indes war die Arbeitssituation meines Mannes noch ganz unklar:

  • Würde er seinen Job verlieren? Wieder überkamen mich Ängste. Wie würde es weitergehen?
  • Konnte ich meine Familie mit meinem Halbtagesjob ernähren?
  • Was würde uns alles noch bevorstehen? Wie würde die Wirtschaft Österreichs das überleben?

Tiefsten Dank und Respekt habe ich für alle, die in dieser Zeit ihre Arbeit und ihren Dienst am Nächsten trotz der Gefahr einer Ansteckung ausübten. Allen Mitarbeitern und -innen im Gesundheitsbereich, in der Lebensmittelbranche, in der Landwirtschaft, im Sicherheitsdienst, im öffentlichen Dienst. Ich kann mir nur im Entferntesten ausmalen, dass es ein Arbeiten am Limit war!
In Erinnerung ist mir auch die Thematik mit den Pflegekräften und den Erntehelfern aus den Nachbarstaaten, die so dringend in unserem Land gebraucht werden und aufgrund der Pandemie nicht einreisen durften. Erst da erkennt man, welche Engpässe es in unserem Land gibt. Ich glaube, im Pflegebereich gab es die größten Hürden zu meistern:

  • Was tun, wenn man einen pflegebedürftigen Angehörigen zu Hause hat und es selbst einem nicht möglich ist, ihn rund um die Uhr zu betreuen?
  • Was tun, wenn man kein Pflegepersonal aufgrund der Corona-Pandemie bekommt?

Es lässt mich erschaudern. Ich hoffe, dass es hier in Zukunft eine Aufwertung für Pflegekräfte gibt! Aber auch im Bereich der Landwirtschaft hoffe ich, dass es uns allen bewusstgeworden ist, welche kostbaren Lebensmittel wir saisonbedingt in unserer Region haben. Es liegt an uns, unsere Bauern und Bäuerinnen zu unterstützen und die regionalen, kostbaren, gesunden Lebensmittel zu konsumieren. Ein jeder von uns trägt am Wohlergehen unserer Wirtschaft bei! Daher denkt um, und kauft vor Ort!

Für meine schulpflichtige Tochter erschien alles easy-cheesy. Juhu keine Schule, lange aufbleiben dürfen und laaaaaaaaange ausschlafen. Tja meine Liebe, das ging leider nur 2 Wochen so, denn danach gab es einen Hausaufgabenplan von der Lehrerin. Somit war mein Kind am Vormittag mit Lernen beschäftigt, mein Mann mit Home-Office und ich mit Haushalt, Kochen, Lehrerinnenjob und Home-Office. Man glaubt gar nicht, was man alles schaffen kann. Zu Mittag setzten wir uns gemeinsam an den Tisch und genossen unser Essen. Es war so schön, alle dazuhaben. Mein Mann und mein Kind, und jeden Tag mit ihnen Zeit zu verbringen. Normalerweise sieht unser Alltag ganz anders aus. Gehetzt und gestresst. Von der Arbeit nach Hause – schnell Essen kochen, oder das Essen, das am Vortag vorgekocht wurde, aufwärmen – dann kommt meine Tochter von der Schule heim und wir essen zu zweit. Dann Küche aufräumen, Geschirr waschen, die Wäsche und und und. Nicht zu vergessen der Hund, der dann auch Gassi gehen will. Inzwischen erledigt meine Tochter ihre Hausaufgaben und danach beschäftigt sie sich mit ihren Haustieren. Natürlich muss ich auch sehr viel mit ihr spielen und komme so gar nicht zu meinen Hobbies. Mein Mann kommt erst spät abends nach Hause und wir erzählen uns nur das Wichtigste vom Tag. Und dann falle ich gegen 22 Uhr total erschöpft ins Bett. Und dann geht das ganze am nächsten Tag um 5:30 Uhr von vorne los. Und das Tag ein Tag aus.

Wer hätte sich gedacht, dass es zu einem Shutdown durch Corona kommt? Ich muss ehrlich gestehen, ich habe diese 4 Wochen, die ich zusammen mit meiner Familie zu Hause war, sehr genossen. Es kehrte eine innere Ruhe und ein warmes wohliges Gefühl ein. Jeden Tag gab es Arbeiten im Garten oder am Haus zu erledigen, die schon seit unzähligen Jahren anstanden. Und gemeinsam etwas zu erschaffen und zu richten – ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Da wurden Fensterbänke montiert, die schon ewig verstaubt in der Ecke standen. Und sogar ein Tomatenhäuschen wurde endlich gebaut. Das Wirtschaftsgebäude wurde auf Vordermann gebracht und jede Ecke des Hauses geputzt. Ja sogar das Putzen machte in dieser Zeit Spaß, denn es gab keinen Zeitdruck. Meistens war es so, dass Besuch sich ankündigt und ich dann in meinen Putzstress verfalle. Obwohl eh alles sehr gepflegt ist, aber so bin ich nun mal. Und jetzt: Alle Arbeiten zu Hause erschienen viel leichter von der Hand zu gehen. Wahrscheinlich, weil ich diese mit Freude und ohne Selbstdruck durchführte. Endlich fand ich auch Zeit für mein Hobby, das Töpfern. Mit meiner inneren Ausgeglichenheit, die ich verspürte, entstanden ganz besondere Töpferwaren. Und auch Zeit hatte ich, köstliches Roggenbrot zweimal die Woche zu backen. Nicht nur mein Gemüt wurde von Tag zu Tag entspannter und heller. Auch die Natur veränderte sich. Da gab es keinen Verkehrslärm, keinen Fluglärm mehr zu hören. Nur der wunderbare Klang der Natur. Erstmals fiel mir auf, wie viele verschiedene Vogelarten in meinem Garten sangen. Herrlich. Endlich hatte ich Zeit, die Natur BEWUSST zu registrieren. Ja, ich sage registrieren, denn eigentlich funktioniert man nur wie eine Maschine und nimmt das Umfeld im Alltagsstress nicht wahr. Und dabei wäre es so wichtig und förderlich für unsere Gesundheit, für uns alle!

In diese Zeit fiel auch das Osterfest, das wir heuer nur zu Dritt zuhause feierten. Wir haben unsere Speisen selbst gesegnet und mit Demut und Dankbarkeit genossen. Dankbar, dass wir genug zu essen haben, dankbar, hier in Österreich zu leben, dankbar dafür, dass es uns gut geht, dass wir gesund sind, und vor allem, dass wir Menschen in unserem Leben haben, die wir lieben und die uns lieben! Ohne Liebe wäre das Leben nicht schön!
Es kam die Zeit – nach 9 Wochen –, wo wieder die Schulen aufmachten und der Berufsalltag seinen gewohnten Lauf nahm. Erschrocken stellte ich fest, wie schnell alle – mich eingeschlossen – wieder in dieses gehetzte Schema fielen. Oft dachte ich an die Zeit zurück, als meine Familie zu Hause war…

In unserem Umfeld gab es keine Corona-Tote. Täglich verfolgten wir die Medien, die über die Nachbarländer, allen voran Amerika, Italien und Spanien berichteten. Unfassbar, wie viele Tausende gestorben sind. Und wie das Gesundheitswesen in diesen Ländern total überfordert war. Das ist die dunkle Seite von Corona. Mein Mitgefühl allen, die in dieser schweren Zeit einen geliebten Menschen verloren haben. Ich finde dazu nicht die passenden Worte. Ich habe gehört, dass sich Angehörige von ihren im Sterben liegenden Liebsten nicht verabschieden durften. Menschunwürdig und grausam sind diese Geschehnisse. Auch die Totenverabschiedung, die Begräbnisse, durften nur im engsten Familienkreis stattfinden, um dem Virus durch Massenansammlungen Einhalt zu gebieten.

Angst hatte ich nie vor dem Virus. Angst machte mir nur, dass ich Überträger sein könnte und andere anstecken könnte. Nicht zu denken, wenn mein Vater, der im Pflegeheim lebt, diesen Virus bekommen würde. Täglich telefonierte ich mit ihm. Ein Besuch im Pflegeheim war untersagt. Auch er durfte als Bewohner das Heim nicht verlassen. Ich verstand und begrüßte diese Vorsichtsmaßnahme sehr, denn die Gesundheit und das Leben meines Vaters ist mir sehr, sehr wichtig. Am Telefon scherzte er täglich und meinte, ihm geht’s gut.

„Mir geht doch nichts ab hier. Ich bekomme mein Essen, meine Wäsche wird gewaschen und im Fernsehen gibt es tolle Western- und Heimatfilme zu sehen“.

Ich war jedesmal froh, dass er so positiv gestimmt am Telefon war, trotzdem dachte ich mir insgeheim, ob er mir das nur vorspielt, damit ich mir keine Sorgen mache?
Meine Mutter, die alleinstehend ist, versorgte ich einmal in der Woche mit Lebensmittel. Es war befremdend, Abstand zu ihr zu halten, sie nicht umarmen zu dürfen. Aber ich nahm es sehr ernst, ich wollte meine Mutter sowie alle anderen älteren Personen unbedingt schützen. Ich ging für sie einkaufen und stellte ihr die Einkaufstüte auf den Terrassentisch. Sie schaute durch die gekippte Terrassentür und man spürte und erkannte, dass sie sehr einsam ist und sich Sorgen um alle ihre Kinder und deren Zukunft macht. Ich habe zwei Schwestern in der Schweiz, mit denen ich auch täglich in Kontakt stand. Finanziell ging es beiden nicht gut, da sie von heute auf morgen ihren Job verloren hatten. Am meisten erschreckte es mich, als die Grenzen dichtmachten! Ich werde diesen Moment nie vergessen, wie mein Neffe mir ein Foto vom Grenzübergang Kriessern in der Schweiz zusandte und meinte, heuer werden wir uns wohl nicht mehr sehen. Das Bild war für mich wie ein Bild aus einem Kriegstagebuch. Scherengitter und Tafeln, auf denen irgendwas von Corona und „kein Passieren möglich“ stand.

Ein wenig möchte ich noch von den vielen schönen Erinnerungen dieser schweren Zeit berichten. Wir haben sehr nette Nachbarn, mit denen wir aber höchstens 4 Mal im Jahr zusammenkommen. Jetzt, wo alle zuhause waren, tratschten wir mehrmals wöchentlich übern Gartenzaun, riefen uns zu, wenn wir den anderen im Freien wahrnahmen. Und trafen uns, nachdem die Infektionsrate wieder nachweislich in unserm Land sank, auf ein Bier mit Abstand. Corona hat uns wieder zusammengeführt, hat uns ein Gefühl der Gemeinschaft gegeben. Der Slogan „Gemeinsam schaffen wir das!“, den man tagtäglich in den Medien hörte und las, bewahrheitete sich. Die Nachbarschaftshilfe hat in unserer ländlichen Gemeinde großartig funktioniert – und das macht mich stolz, ein Teil dieser großartigen Bevölkerung zu sein.

Corona hat mich etwas Wichtiges gelehrt: Das Wichtigste im Leben ist und bleiben meine Familie und meine Liebsten!

Nimm Dir Zeit für sie! Luxus, Ansehen, Reichtum, Ruhm im Leben machen nur kurzweilig glücklich. All diese Dinge verlieren ihren Wert, wenn du niemanden hast, den du liebst und der deine Liebe erwidert. Und viel zu oft vergessen wir, dass Zeit mit unseren Liebsten wohl das größte Geschenk auf Erden ist. (Leider erkennen es viele erst, wenn es zu spät ist.)

Anonyme Verfasserin aus der Gemeinde Gnas, Mai 2020