Styria vitalis und 40 Jahre Ottawa Charta

Vor 40 Jahren wurde bei der ersten internationalen Konferenz zur Gesundheitsförderung am 21. November 1986 in Ottawa die Ottawa Charta zur Gesundheitsförderung verabschiedet. Inwieweit hat diese Charta das Handeln von Styria vitalis in den letzten Jahrzehnten beeinflusst? Ein Blick zurück.

Mit der Ottawa-Charta der WHO wurde ein internationaler Meilenstein der Gesundheitsförderung beschlossen. Sie hat mit ihrem Lebensweltansatz deutlich gemacht, dass Gesundheit überall dort entsteht, wo Menschen leben und arbeiten.

Die Frage „Was erhält gesund anstatt von was macht krank?“ und damit der Blick auf die Ressourcen von Gesundheit anstatt auf die Risikofaktoren für Krankheiten prägt seit Jahrzehnten das Handeln von Styria vitalis.

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Gesundheitskompetenz

Laut Ottawa Charta zielt Gesundheitsförderung darauf ab, ein höheres Maß an Selbstbestimmung über die eigene Gesundheit zu erlangen. Mit anderen Worten: Ich treffe Entscheidungen, die meiner Gesundheit guttun. Voraussetzung dafür ist aber, dass ich Zugang zu den notwendigen Informationen habe und diese auch so aufbereitet sind, dass ich sie verstehe. Styria vitalis hat dazu bereits 2004 die in der Schweiz vom Institut für Sozialmedizin entwickelte Jugendgesundheits-Website feel-ok für Österreich adaptiert. Spiele, Tests und Quiz-Fragen laden seither Jugendliche auf www.feel-ok.at zur Auseinandersetzung mit aktuell insgesamt 26 gesundheitsrelevanten Themen ein.

Dem Kindergarten und der Schule kommt bei der Entwicklung von Gesundheitskompetenz eine ganz wesentliche Bedeutung zu. Styria vitalis unterstützt seit 2019 Pädagog*innen mit dem GET-Arbeitsmaterial bei der Bearbeitung von Gesundheitsthemen. Das Kürzel GET steht für Gesunde Entscheidungen treffen. Aktuell sind 8 Themen für Kindergärten, 11 für Volksschulen und 13 für die Sekundarstufe aufbereitet und umfasst „Klassiker“ wie Bewegung, Ernährung und psychosoziale Gesundheit, aber auch Klima & Umwelt, Medienkompetenz, Pubertät & Sexualität, Prävention & Versorgung, Sicherheit, Suchtmittel und Zahngesundheit.

Ausgehend von der Steiermark werden die GET-Materialien nun über den Dachverband der Sozialversicherungsträger österreichweit allen Schulen zur Verfügung gestellt.

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Gesundheitsförderliche Lebenswelten

Wie sich Entscheidungen auf die Gesundheit auswirken, ist aber nicht nur für eine einzelne Person von Relevanz, sondern auch für ganze Lebenswelten wie es beispielsweise eine Gemeinde ist:

  • Welche Auswirkungen hat es, wenn neue Straßen oder Radwege gebaut werden?
  • Welchen Einfluss auf das Zusammenleben hat es, wenn neue Siedlungen entstehen, Geschäfte oder Gastronomiebetriebe schließen oder neu eröffnen?

In der Ottawa Charta wurde bereits vor 40 Jahren festgehalten, dass die Verantwortung für Gesundheit nicht nur beim Gesundheitssektor liegt, sondern bei allen Politikbereichen. Diesem Ansatz folgend hat Styria vitalis bereits ein Jahr später, 1987, das Gesunde Gemeinde-Netzwerk als erstes Bundesland in Österreich ins Leben gerufen. Von Anfang an stellte ein Gemeinderatsbeschluss die Voraussetzung für die Aufnahme ins Netzwerk dar, um damit zu gewährleisten, dass alle GemeinderätInnen mit ihren Arbeitsbereichen hinter der Idee einer Gesunden Gemeinde stehen und ihren Beitrag dazu leisten.

Thomas Rauninger, Bürgermeister der Gesunden Gemeinde Eisenerz, sieht Gesundheitsförderung als zentrale Zukunftsaufgabe mit dem Ziel, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Gesundheit, Lebensfreude und soziale Teilhabe für alle fördern.

Zwei Jahre später, 1989, folgte die Gründung des Netzwerks Gesunder Volksschulen, dem aktuell rund 100 Schulen in der Steiermark angehören. Lag in den Anfangsjahren der Schwerpunkt einer Gesunden Volksschule vor allem auf der körperlichen Gesundheit der Kinder, hat sich die Themenpalette im Laufe der Jahrzehnte in Richtung persönliches Wohlbefinden und gutes Zusammenleben in der Schule verändert. Die Ottawa Charta beschreibt es mit den Worten „ … die gegenseitige Unterstützung fördern, sich um den anderen, um unsere Gemeinschaft … sorgen.“.

Ein zunehmend wichtiger Aspekt wird weiters die gesundheitsfördernde Gestaltung der Innenräume und Außenanlagen. Das umfasst nicht nur die Klassenzimmer, sondern auch Pausenbereiche, Rückzugsorte und Speiseräume.

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Gemeinschaftsverpflegung

Laut Ottawa Charta haben die sich verändernden Lebens-, Arbeits- und Freizeitbedingungen entscheidenden Einfluss auf unsere Gesundheit. Dazu zählt auch, dass immer mehr Menschen werktags außer Haus essen. Styria vitalis zeichnet seit 1990 Gastronomie- und Gemeinschaftsverpflegungsbetriebe aus, die ihren Essensgästen ein attraktives Angebot an vollwertig-vegetarischen Speisen aus möglichst saisonalen und regionalen Zutaten zur Wahl stellen.

Anfangs lag der Beratungsschwerpunkt in der Gemeinschaftsverpflegung v.a. auf der Zusammensetzung des Essens bzw. auf der Gestaltung der Speisepläne. Dabei wurde sowohl auf ernährungsphysiologische als auch ökologische Aspekte geachtet. Im Laufe der Jahre hat sich herauskristallisiert, dass weitere Faktoren Einfluss darauf haben, wie gut die Verpflegung beispielsweise in einem Kindergarten, einer Schule oder Betriebskantine funktioniert:

  • Wie wird das vorbereitete Essen angeliefert?
  • Wie schaut die Aufbereitung vor Ort aus?
  • Wie einladend ist die Atmosphäre im Speisesaal?
  • Und natürlich auch: Wie ansprechend werden gesundheitsbewusste Angebote präsentiert und kommuniziert?

Die Ansprüche in der Gemeinschaftsverpflegung steigen. Für eine gelingende Mittagsverpflegung in Volksschulen braucht es das Zusammenspiel von Küche, Schulleitung, Lehrkörper, Nachmittagsbetreuung, Eltern und Erhalter. 2021 wurde daher von Styria vitalis ein Lehrgang für Verpflegungsmanagement konzipiert, der sich an jene MitarbeiterInnen in Schulen richtet, die für die Mittagsverpflegung zuständig sind. Der Lehrgang wird seither regelmäßig angeboten, 2026 erstmals auch für Kindergärten.

Die von Styria vitalis im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse in Zusammenarbeit mit Gemeinschaftsverpflegungsbetrieben sind in die Entwicklung der Steirischen Mindeststandards für Gemeinschaftsverpfleger sowie in die Leitlinien für Schulbuffets eingeflossen.

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Öffentlichen Raum gesund gestalten

Im Rahmen der Ottawa Charta wurde dazu aufgerufen, neben den Themen Luftverschmutzung und Gefährdungen am Arbeitsplatz die Wohn- und Raumplanung in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit zu stellen.

Styria vitalis widmet sich in der Zusammenarbeit mit Gesunden Gemeinden bereits seit Jahrzehnten der Gestaltung des öffentlichen Raums, da er ganz wesentlich dazu beiträgt, wie sicher und wohl sich BürgerInnen in ihrer Gemeinde fühlen. Maßnahmen wie die Möglichkeit einer schattigen Bank, ein Trinkbrunnen oder abgeschrägte Gehsteigkanten sind entscheidend dafür, ob in einem Park gerastet, ob ein Platz gerne genutzt oder ob ein Weg zu Fuß gegangen wird.

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Was brauchen die Menschen vor Ort?

Die Ottawa Charta besagt, dass die Programme und Strategien zur Gesundheitsförderung den örtlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten angepasst sein sollten. Dem trägt Styria vitalis seit rund 40 Jahren Rechnung. Am Beginn einer Zusammenarbeit mit Gemeinden oder Schulen steht immer eine Erhebung des IST-Zustandes. Wie setzt sich die Bevölkerung zusammen? Welche Angebote gibt es schon? Was wäre hilfreich und gewünscht? Wer möchte sich beteiligen?

Menschen an der Gestaltung ihrer Lebenswelt zu beteiligen, ist dabei nicht nur eine Strategie, sondern ansich schon gesundheitsfördernd.

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Gleiche Chancen auf Gesundheit

Alle Menschen sollen laut Ottawa Charta die gleichen Chancen haben, ihr Gesundheitspotenzial zu verwirklichen. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist dabei die Geborgenheit und Verwurzelung in einer unterstützenden sozialen Umwelt. Für Kinder und Jugendliche, in deren Familien Mutter und/oder Vater psychisch erkrankt oder stark belastet sind, ist das nicht immer der Fall. Damit sie trotz dieser herausfordernden Situation gesund aufwachsen können, ist eine zusätzliche stabile Bezugsperson ein wichtiger Resilienzfaktor. Hier setzt Styria vitalis seit 2017 mit dem Konzept der „Patenfamilien für Kinder psychisch belasteter Eltern“ an. Die ehrenamtlichen Patinnen/Paten sind als zusätzliche Bezugspersonen eine verlässliche Stütze für das Kind und tragen damit zur Entlastung der Herkunftsfamilie bei. Ausgehend von Graz und Graz-Umgebung gibt es nun bereits ausgebildete Patinnen und Paten in acht weiteren Bezirken in der Steiermark.

„Wir sind ein Hafen, wo sie einfach Ruhe haben. Sie müssen bei uns überhaupt nichts. Wir erwarten nichts.“ - beschreibt eine Patenfamilie sehr treffend ihre Rolle.

Um Chancengerechtigkeit geht es für Styria vitalis auch beim Thema Zahngesundheit. Ob Kinder gesunde Zähne haben, sollte nicht davon abhängen, über welchen Bildungsabschluss die Eltern verfügen, welchen kulturellen Hintergrund ein Kind hat oder wie hoch das Haushaltseinkommen einer Familie ist. Über das seit 1987 laufende Steirische Kariesprophylaxeprogramm erreicht Styria vitalis rund 64.500 Kinder in der ganzen Steiermark. Der Anteil kariesfreier 6-Jähriger konnte in diesem Zeitraum von 27% auf 68% erhöht werden. Die Steiermark liegt damit im Bundesländervergleich nach Tirol am 2. Platz.

"Die Kinder sind alle sehr interessiert, weil es um ihren Körper geht und weil wir es ihnen so erklären, dass sie es auch verstehen. Ihr Körper ist ihnen wichtig! Und das Schöne bei unserer Arbeit ist, dass wir in ein ernstes – oft auch unbeliebtes - Thema viel Leichtigkeit reinbringen können." - sieht Elvira Kaufmann, eine der aktuell 25 Zahngesundheitserzieherinnen in der Steiermark, den Erfolg ihrer Arbeit.

Der Blick zurück auf das schon Erreichte macht uns stolz. Der Blick nach vorne zeigt neue Herausforderungen. Wir bleiben dran! 🙂