Neues aus der Forschung …
Uwe Schaarschmidt ist aufgrund seiner Potsdamer Lehrer*innen-Studie aus dem Jahr 2005 gut bekannt. 2025 hat er nun gemeinsam mit Andreas Fischer die Daten von damals verglichen und in seinem Buch „Gesund bleiben. Risiken und Ressourcen am Arbeitsplatz Schule“ veröffentlicht. Darin findet sich leider kein Grund zur Entwarnung, was die Gesundheitssituation der Lehrer*innen (in Deutschland, Schweiz und Österreich) betrifft. Diese ist immer noch als problematisch zu bezeichnen.
In den Erhebungen fassen die Autoren u.a. 66 Items in 11 Merkmale und letztendlich in 3 Bereiche zusammen:
Engagement, Widerstandskraft und Emotionen. Daraus lassen sich wiederum 4 Muster arbeitsbezogenen Verhaltens und Erlebens (AVEM) ableiten, die als sehr aussagekräftige Indikatoren für psychische Gesundheit gelten. Dabei zeigt sich, dass das Gesundheits-Muster (Muster G), das sich durch Aktivität, Widerstandskraft und positivem Lebensgefühl auszeichnet, zwar etwas gestiegen ist, aber mit 25,2% noch weit unter einem wünschenswerten Maß liegt (2005: 18,3%). Den deutlichsten Zuwachs zeigt das Schonungs-Muster (Muster S), das für 36 % der befragten Lehrer*innen zutrifft (2005: 23%), eher auf Distanzierung und Rückzug ausgerichtet ist und nur verhaltenes Engagement beinhaltet. Die Autoren betonen, dass diese Zunahme auch von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und länder- und generationenübergreifendem Wertewandel beeinflusst ist. Dennoch oder gerade aufgrund vielfältiger veränderter Herausforderungen braucht es jedoch engagierte Lehrkräfte, die immer wieder bereit sind und ausreichend Energie haben, neue Wege zu gehen.
Neben dem geringeren beruflichen Engagement und der Zunahme des Musters S, lassen sich auch positive Ergebnisse zeigen:
- Ein deutlicher Rückgang des Risikomusters A (Neigung zur Selbstüberforderung oder Schonungslosigkeit, von 29,8% auf 19,1%) und des Risikomusters B (Erschöpfung und Resignation, von 28,9% auf 19,7%)
- Gestiegene Zufriedenheitswerte (Erfolgserleben im Beruf, Lebenszufriedenheit und Erleben sozialer Unterstützung)
- Bessere Bewertung bei der Bereitstellung von Arbeitsmittel und beim Klima im Kollegium
- Weniger erfreulich und für die Gesundheit nicht dienlich ist das Ergebnis, dass die offensive Problembewältigung geringer ausfällt, was eine geringere Widerstandskraft gegenüber belastenden Anforderungen bedeutet
Die Autoren postulieren wichtige Schlussfolgerungen und Empfehlungen, u.a.:
- Überfordernde Bedingungen – wo möglich – verringern
- Motivationssteigerung durch Anerkennung, Ermutigung, gegenseitige Unterstützung, größere Räume für Selbstständigkeit und eigenverantwortliches Arbeiten
- Stärkung und Entwicklung einer aktiven und optimistischen Haltung gegenüber Herausforderungen und auftretenden Problemen (offensive Problembewältigung)
- Gezielte Unterstützung von Berufseinsteiger*innen (schon kurz nach dem Berufseinstieg zeigt sich eine Verschlechterung der gesundheitlichen Verfassung)
- Gezieltere Unterstützung der Lehrerinnen-Gesundheit (Frauen haben weniger G- und mehr A- und B-Muster im AVEM, stärker erlebtes Engagement und weniger Widerstandskraft)
- Teilzeitarbeit ist nicht immer eine gute Lösung. Sie trägt nicht unbedingt zur Entlastung und besseren Gesundheit bei.
- Trainings zum Selbstmanagement: Probleme im Beruf offensiv angehen, persönliche Arbeits- und Zeitorganisation verbessern, berufliche Ziele setzen, berufliches Selbstverständnis klären, Entspannung lernen
- Trainings zur Kommunikation im Schulalltag: Probleme klären, vermitteln und schlichten; Konflikte lösen, Ansprüche durchsetzen
Somit braucht es – wie immer in der Gesundheitsförderung – Anstrengungen sowohl auf der Verhaltens- wie auch auf der Verhältnisebene. Es braucht das Engagement sowohl des Einzelnen als auch der Verantwortlichen für Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz Schule:
Für die eigene Praxis: IEGL für sich selbst nutzen
Wo stehe ich mit meiner Gesundheit? Welches Muster ist bei mir vorherrschend? Wo sollte ich gezielter ansetzen?
Einen informativen persönlichen Status-quo kann sich jede Lehrkraft bei den Autoren selbst online holen. Auf der Webseite „Ich und meine Schule“ (https://ichundmeineschule.eu/ueberblick) gibt es eine kostengünstige Möglichkeit, mit dem Instrument IEGL – Instrument zur Erfassung von Gesundheitsressourcen in der Schule eine Rückmeldung auch für sich ganz persönlich zu bestellen. In diesem wissenschaftlichen Instrument, das auch in der oben genannten Studie bzw. im Programm „Denkanstöße“ verwendet wird, ist nicht nur der oben beschriebene „AVEM“ enthalten, sondern auch weitere Analyseinstrumente, wie eine Beschwerdeliste und ein Arbeitsbewertungscheck. Es lohnt sich, sich diese Außenperspektive zu gönnen! Und es lohnt sich vielleicht auch, das Ergebnis mit jemand Vertrautem oder mit einer/einem Coach zu interpretieren, um passende Maßnahmen abzuleiten.
Quelle: Uwe Schaarschmidt & Andreas Fischer (2025): Gesund bleiben. Risiken und Ressourcen am Arbeitsplatz Schule. Beltz: Weinheim, Basel.