Zu Wort
Zur Person: Psychotherapeutin (Humanistische Therapie/ Existenzanalyse) in freier Praxis in Knittelfeld sowie Graz und für das BFP Steiermark – Beratung für Pädagog*innen Steiermark.
Umfangreiche Berufserfahrung als Lehrerin und Schul-(cluster)leiterin für Primarstufe, Mittelschule und Sonderpädagogik, Moderatorin im Projekt BeKo – Beziehung und kollegiales Lernen

Liebe Judith, warum ist es aus deiner Sicht so wichtig, dass LehrerInnen gut auf sich schauen? Welche Herausforderungen siehst du dabei?
Schon beim Nachdenken über diese Frage, nehme ich an mir wahr, dass ich dir sehr gerne eine klare, einfache und auf den Punkt gebrachte Antwort geben würde und dass sich gerade das gleichzeitig zunehmend schwieriger zeigt– nämlich einfache, klare und kompakte Antworten auf die meisten „großen Fragen“ zu finden. Und wahrscheinlich ist es auch dieses Erleben, das zeigt, worauf es in unserer momentanen Zeitqualität ankommt. Wahrzunehmen, dass es gerade an vielen Seiten eckt und kantet, dass viele Bedürfnisse und Erwartungen eben nicht „einfach und schnell“ gestillt, beantwortet und gelöst werden können.
Aber zurück zur Frage: Warum sollten LehrerInnen gut auf sich und ihre Gesundheit schauen?
Weil sie den ihnen anvertrauten Familien – Kindern und Eltern – nur so die verlässliche, klare und feinfühlige Stabilität entgegenbringen können, die diese Berufsgruppe so dringend braucht, um eine gelingende Lernumgebung zu schaffen. Das kann aber nur gelingen, wenn es noch viel selbstverständlicher als qualitätssichernde Maßnahme verstanden wird, gut auf sich zu schauen, gut für sich selbst zu sorgen und gesund zu bleiben. Und schon während des Aussprechens dieses Satzes wird mir deutlich, wie herausfordernd gerade dies in Zeiten von Ressourcenknappheit, der hohen Anzahl an pädagogisch hoch bedürftigen Kindern und Eltern, den vielen Zusatzanforderungen an Schulen ist.
Einen großen Einfluss auf die Gesundheit von Lehrer*innen hat ja das Erleben und das Gefühl „Ich kann gut wirken“. Aufgrund der vielen Herausforderungen und den oft hohen Erwartungen an LehrerInnen – von außen, also der Gesellschaft und dem System Schule, aber auch von innen – an sich selbst, den eigenen Visionen und Vorstellungen, überwiegt oft das Gefühl „Ich schaffe das nicht“, „ich bin nicht gut genug dafür (geeignet, ausgebildet, usw.)“.
Viele Kolleg*innen bemühen sich immer wieder, gute und funktionierende Lösungen zu finden und erleben gleichzeitig unzählige frustrierende Situationen, weil Gelingen eben nicht nur an einer Person liegt und liegen kann, sondern das Ergebnis vieler kleiner und großer gemeinsam gedachter Schritte ist. UND: Dass es selten schnell und einfach geht. Das bräuchte erstmal ein realistisches Hinschauen auf die jeweilige Situation und den Mut auch zu sehen, was in Folge möglich ist und was auch nicht, was Schule/Lehrer*innen unter den derzeitigen Voraussetzungen leisten kann und was nicht.
Einen großen Einfluss auf die Gesundheit von Lehrer*innen hat der Wunsch und das Gefühl „Ich kann gut wirken“. Aufgrund der vielen Herausforderungen und Veränderungen in Schule und Gesellschaft überwiegt jedoch das Gefühl „Ich schaffe das nicht“. Viele bemühen sich, Lösungen zu finden und sind dann frustriert, weil es oft nicht lösbar ist bzw. weil es „die“ oder die „einfache“ Lösung gar nicht gibt. Wichtig wäre stattdessen zu erkennen, dass Vieles unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nicht schaffbar ist und es nicht an der einzelnen Person liegt. Der Erwartungsdruck von außen, aber auch von den Lehrer*innen an sich selbst ist jedoch hoch und das belastet. Gleichzeitig wird versucht, durch kleine Veränderungen, wie z.B. Verwaltungspersonal an die Schule zu bringen, einen Workshop zu mental health anzubieten und damit zu unterstützen, etc., was aber oft keine Erleichterung bringt.
Wo siehst du Ansatzpunkte, die helfen könnten?
Vielleicht würde es uns schon helfen und einmal sehr guttun, aufzuhören, vorschnell Lösungen finden zu wollen. Wir sollten einen Schritt zurücktreten und in ein Verstehen gehen, was uns eigentlich derzeit wirklich alle bewegt und was es auch so anstrengend macht. Verstehen, warum Kinder und Eltern so agieren, wie sie agieren. Verstehen, worum es mir als Lehrerin geht und worauf ich eigentlich mein Handeln ausrichte. Uns als Schulteam fragen, wie wir unser Tun verstehen und aufhören, großen visionären Ansprüchen gerecht werden zu wollen, die im Moment nicht zu bewerkstelligen sind. Ein großer Teil des Erwartungsdruck könnte abfallen, wenn wir mehr verstehen, dass manches JETZT einfach (noch) nicht zu schaffen ist und erst dann würden alle Möglichkeiten sichtbar, die es trotzdem und auch jetzt gibt. Wenn wir im Kleinen schauen, was kann ich heute tun, um auf mich und auf die Kinder gut zu schauen. Was ist das, was wir im Team gerade brauchen. Im Heute und im Jetzt. Wir müssen aushalten lernen, dass in schwierigen, ressourcenarmen Zeiten nicht alles möglich ist und gleichzeitig den Blick öffnen, was dennoch möglich ist. Aushalten und annehmen wie es ist – auf diesem Boden Möglichkeiten entdecken, im Kleinen zu wirken.
Welche Rolle spielt Kooperation und kollegiales Lernen dabei, das wird ja von Zukunfts- und Resilienz-Forscher*innen oft betont?
Wenn „das Große“ – die Zukunft – zu unsicher und instabil aussieht, braucht es den Blick „aufs Kleine“ – nach innen, zu mir und zu uns. Wir können uns fragen: Was brauche ich? Was braucht meine Klasse? Was brauchen wir im Team? Was braucht unsere Schule gerade? Pädagog*innen haben viel Verantwortung, die jedoch nicht von Einzelnen zu schaffen ist, sondern nur durch mehr kollektive Übereinkünfte. Über viele Jahre war es ein individuelle Haltungsfrage z.B. – Wie gehe ich mit Eltern um? Wieviel Energie investiere ich? – Jetzt wird es notwendig, genau das in einem Team kooperativ und kollektiv zu überlegen: Wie verstehen wir eine qualitätsvolle Elternarbeit? Wie „führen“ wir Eltern? Wie gehen wir mit Beschwerden um? Diese kollektiven Übereinkünfte sind haltgebende und schutzgebende Faktoren und stärken die Position von Schule als Bildungseinrichtung. Dazu bedarf es auch, diese klaren Botschaften transparent zu machen und den Eltern zu vermitteln, dass es z.B. eine dringende Verpflichtung ist, an pädagogischen Elternabenden teilzunehmen, zu zeigen, wie wir mit Beschwerden umgehen, etc. Dann kommen wir weg von einer Haltung – eine Kolleg*in hat ein Problem – zu einer Haltung: „Es liegt uns allen am Herzen für herausfordernde Situationen transparente Vorgehensweisen zu finden.“ Weg von – ich und meine Klasse – hin zu – Wir als Schule. Die Herausforderungen betreffen uns alle und es stärkt, zu bemerken, wir arbeiten alle an den gleichen Themen.
Um was geht es denn eigentlich bei den Herausforderungen mit Kindern und Eltern?
Die meisten Herausforderungen entstehen, weil Menschen sich nicht ausreichend zugehörig fühlen oder nicht zur Gruppe gehören können/ wollen. Unsere Grundbedürfnisse müssen jedoch erfüllt sein, um gut miteinander auszukommen: Wo/Wie werde ich gesehen? Wo/ Wie werde ich gehört? Wie gehe ich mit Frustration um? Wie gehe ich mit fehlender Frustrationstoleranz um? Wo finde ich meinen Platz? Wie kann ich mich sichtbar machen? Wie kann ich dafür sorgen, dass ich gehört werde? Wenn das gelingt, wenn diese Beziehungsaspekte gelingen – auf diesem Boden kann Lernen gedeihen.
Du bist ja Mit-Entwicklerin der Unterrichtsmaterialien ELLA. Inwiefern profitieren Lehrer*innen, wenn sie die sozial-emotionalen Kompetenzen der SchülerInnen fördern?
Ja, das ist tatsächlich einer der für mich berührendsten Erkenntnisse, wenn wir den Lernzuwachs für LehrerInnen durch die Anwendung und die Beschäftigung mit den ELLA-Themen wahrnehmen. Zu Beginn des Trainings fragen LehrerInnen oft – Mache ich das richtig? Was habe ich falsch gemacht? Und im Laufe des Trainings nimmt die individuelle Sicherheit zu, dass ja die ganze Bandbreite von Gefühlen willkommen ist und dass es eigentlich nicht um Gelingen oder Nicht-Gelingen geht, sondern darum, immer wieder neu hinzuschauen – Okay, das zeigt sich jetzt. Wie können wir das weiter nutzen? Emotionale Kompetenz entsteht dann in der bewussten Anerkennung dessen, was sich zeigt und wie wir damit umgehen können. Dass wir da erleben können, das fühlt sich gut und stimmig an. Das macht Sinn, weil es uns guttut und auch leitet in einer veränderten Haltung miteinander. Ziel ist ja nicht die Vermeidung von negativen Emotionen oder Konflikten, sondern den Umgang damit zu lernen. Und ob es gelingt, liegt wieder nicht nur bei der einzelnen Lehrer*in, diese Haltung würde wieder die unerfüllbaren Ansprüche nähren. Wir können den Boden für potentielles Gelingen bereiten und ob es gelingt, liegt nicht nur an uns. Wir können offen sein für das, was ist und dem Raum geben, was gerade da ist. Ob es gelingt, ist ein Geschenk.
Dabei ist für uns eine neue Forschungsfrage aufgetaucht: Wie verändert sich die sozial-emotionale Kompetenz der Lehrer*innen durch die Arbeit mit ELLA? Werden sie feinfühliger? Werden sie sicherer im Umgang mit dem, was sich zeigt?
Du bist Supervisorin, Therapeutin in eigener Praxis und Beraterin im BfP – Beratung für Pädagog*innen Steiermark. Wo kann Beratung einen Beitrag leisten? Mit welchen Themen kommen die Lehrer*nnen zu dir in Beratung?
Die häufigsten Themen in der Beratung kreisen um: Wie kann ich meinen eigenen Ansprüchen gerecht werden? Überforderungstendenzen. Ich kann Vorstellungen (meine und auch die der anderen) nicht erfüllen. Einer der wichtigsten Perspektivenwechsel, der in der Beratung stattfinden kann, wäre einerseits anzuerkennen, dass es nicht immer an mir liegt, sondern dass Manches jetzt nicht schaffbar ist. Andererseits die Möglichkeiten zu erkennen, die im pädagogischen Handeln dennoch möglich und enorm wichtig sind: Kinder brauchen stabile Lehrer*innen-Persönlichkeiten, die ihnen begegnen, die ihnen Beziehung anbieten können, die sehen, sie hören, ihnen Rückmeldungen geben, usw. Es geht um den Perspektivenwechsel von – was geht gerade alles nicht – zu – was ist heute trotzdem möglich. Beratung kann ein Ort sein, um Ereignisse einzuordnen, sich darauf zu besinnen – Was sind meine Stärken? Was kann ich beitragen? Was muss ich seinlassen? Wo macht es Sinn, mich zu engagieren? Wie kann ich mit meiner Energie gut haushalten? Es kann ein Ort sein für einen bewussten Begegnungsraum für Reflexion.
Wie schätzt du das Potential von Gruppenformaten ein? Was können Formate wie kollegiale Intervision, Fallberatung, Coachinggruppen oder Supervision bewirken? Warum soll man als Lehrer*in oder als Team darin investieren?
Eine geführte Gruppe kann eine große Wirkkraft entfalten, weil durch den gemeinsamen Austausch der Perspektivenwechsel angeregt wird. Wenn es mir gelingt, neue Sichtweisen miteinzubeziehen, verschwindet der Druck, eine Lösung finden zu müssen. Wir gehen dann mehr in Richtung Verständnis und dadurch eröffnet sich ein neuer freierer Raum, wo sich dann auch neue Möglichkeiten auftun. Es entsteht sozusagen ein neuer erweiterter Beziehungsraum, in dem wir neue An- und Verbindungsmöglichkeiten schaffen können. Denn in der Tiefe wollen wir alle das gleiche: gesehen und gehört werden und wirken können.
Wenn du eine Ermutigung für Lehrer*innen in einem Satz ausdrücken wolltest, was wäre dieser?
Aushalten, dass nicht alles möglich ist, das annehmen, was gerade ist, wie es gerade ist und auf diesem Boden der Akzeptanz Möglichkeiten entdecken, wie ich im Kleinen wirken kann.