Neues aus der Forschung …
Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Kindern und Jugendlichen, trotz belastender Lebensumstände positive Entwicklungs- und Bildungsverläufe zu zeigen. Im schulischen Kontext spricht man häufig von akademischer Resilienz: Schüler*innen erzielen gute schulische Leistungen, obwohl sie mit Risikofaktoren wie Armut, Migrationshintergrund, familiären Belastungen oder anderen Benachteiligungen konfrontiert sind.
Die Übersichtsarbeit zeigt, dass Resilienz nicht allein eine Eigenschaft des Kindes ist. Vielmehr entsteht sie im Zusammenspiel persönlicher Voraussetzungen und unterstützender Umweltbedingungen. Besonders häufig untersucht wurden individuelle Merkmale und schulische Faktoren, während Familie, Peers und Gemeinschaft vergleichsweise weniger erforscht wurden.
Die größte Gruppe der identifizierten Schutzfaktoren betrifft die Person selbst. Besonders bedeutsam sind:
- Motivation und Bildungsaspirationen
- Lernfreude und Engagement
- Selbstwirksamkeitserwartungen
- Selbstvertrauen
- Kontrollüberzeugungen
- Selbstregulation und Lernstrategien
- Ausdauer und Beharrlichkeit
- Kreativität und kognitive Kompetenzen
- Zugehörigkeitsgefühl zur Schule
- Positive Einstellungen zu Bildung und Lernen
Als besonders robust gelten Selbstwirksamkeit und Selbstvertrauen. Kinder, die davon überzeugt sind, Herausforderungen erfolgreich bewältigen zu können, zeigen häufiger resiliente Bildungsverläufe. Ebenso fördern hohe Bildungsziele, intrinsische Motivation und aktives Engagement den schulischen Erfolg trotz widriger Umstände. Umgekehrt wirkt sich insbesondere Schul- und Prüfungsangst negativ auf die Resilienzentwicklung aus.
Auf Ebene der Familie spielen vor allem Beziehungs- und Unterstützungsaspekte eine Rolle. Zu den wichtigsten Schutzfaktoren zählen:
- positive Eltern-Kind-Beziehungen
- emotionale Unterstützung durch die Familie
- hohe Bildungsaspirationen der Eltern
- Interesse am schulischen Lernen
- konstruktive Zusammenarbeit mit der Schule
- ausreichende materielle und kulturelle Ressourcen
Besonders konsistent zeigen die Studien, dass eine unterstützende und wertschätzende Beziehung zwischen Eltern und Kind zur Ausbildung von akademischer Resilienz beiträgt. Auch Bildungsinteresse und realistisch hohe Erwartungen der Eltern wirken förderlich.
Für Lehrpersonen besonders relevant sind die schulischen Schutzfaktoren. Das Review zeigt, dass Schulen einen wesentlichen Beitrag zur Resilienzentwicklung leisten können. Viele der identifizierten Faktoren sind direkt beeinflussbar und bieten konkrete Ansatzpunkte für pädagogisches Handeln.
3.1 Positives Schulklima und klare Strukturen
Ein sicheres, geordnetes und respektvolles Schulklima gehört zu den am stärksten belegten Schutzfaktoren. Schüler*innen profitieren von Schulen, in denen …
- klare Regeln gelten
- Unterrichtsstörungen gering vorhanden
- ein respektvoller Umgang
- Erleben von sozialer Sicherheit
- Förderung von Anwesenheit und Beteiligung
Auch eine schulweite Kultur mit hohen Erwartungen und einer klaren Betonung von Lernerfolg wirkt resilienzfördernd. Kinder entwickeln eher Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, wenn Leistungserwartungen mit Unterstützung und Ermutigung verbunden werden.
3.2 Lehrer*in-Schüler*in-Beziehungen
Besonders deutlich fallen die Befunde zu positiven Lehrpersonen-Schüler*innen-Beziehungen aus. Fast alle Studien berichten einen positiven Zusammenhang zwischen einer unterstützenden Beziehung zu Lehrpersonen und akademischer Resilienz. Lehrkräfte können als wichtige Bezugspersonen wirken, insbesondere wenn familiäre Unterstützung begrenzt ist.
Resilienzfördernde Merkmale sind:
- Interesse an den Schüler*innen
- verlässliche Beziehungen
- emotionale Unterstützung
- Anerkennung individueller Stärken
- wertschätzende Kommunikation
- Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder
Mehrere Studien zeigen sogar, dass die Qualität der Lehrpersonen-Schüler*innen-Beziehung zu den stärksten schulischen Einflussfaktoren überhaupt zählt.
3.3 Unterrichtsqualität
Auch Merkmale guten Unterrichts stehen in Zusammenhang mit Resilienz. Förderlich sind insbesondere:
- verständliche und strukturierte Instruktionen
- klare Lernziele
- hohe Erwartungen an alle Lernenden
- konstruktives Feedback
- wirksames Classroom Management
- motivierende Lernumgebungen
Von Bedeutung ist zudem die Überzeugung der Lehrkräfte, dass auch benachteiligte Schüler*innen erfolgreich lernen können. Hohe Erwartungen von Lehrer*innen wurden mehrfach als starke Schutzfaktoren identifiziert.
3.4 Zusätzliche Lernangebote und Unterstützung
Schulen fördern Resilienz auch durch ergänzende Unterstützungsstrukturen, beispielsweise:
- Förderunterricht
- Lernbegleitung
- Unterstützungsangebote bei Übergängen
- Hausaufgabenbetreuung
- außercurriculare Aktivitäten
- Sport-, Musik- oder Kulturangebote
Solche Angebote stärken nicht nur die schulischen Kompetenzen, sondern häufig auch Selbstvertrauen, soziale Einbindung und Wohlbefinden.
3.5 Schulische Ressourcen
Die Befunde zu materiellen Ressourcen sind weniger eindeutig. Während Klassengröße oder Schulform keine konsistenten Effekte zeigen, erweist sich die soziale Zusammensetzung einer Schule als bedeutsam. Schulen mit einem insgesamt günstigeren sozioökonomischen Umfeld weisen häufiger resiliente Schüler*innen auf.
Freundschaften und soziale Unterstützung durch Gleichaltrige können die Resilienzentwicklung ebenfalls fördern. Besonders bedeutsam sind:
- vertrauensvolle Freundschaften
- positive Peer-Beziehungen
- emotionale Unterstützung
- gegenseitige Hilfe beim Lernen
Während die Befunde zu allgemeinen Peer-Beziehungen teilweise uneinheitlich sind, zeigt sich soziale Unterstützung durch Mitschüler*innen überwiegend als resilienzfördernd.
Die am wenigsten untersuchte Gruppe umfasst Schutzfaktoren auf Ebene des sozialen Umfelds.
- soziale Unterstützung im Gemeinwesen
- unterstützende Organisationen und Angebote
- positive Gemeinschaftserfahrungen
- sichere Nachbarschaften
Demgegenüber wirken Gewalt, Armut oder unsichere Wohnumgebungen eher belastend. Insgesamt deuten die bisherigen Studien darauf hin, dass ein unterstützendes soziales Umfeld außerhalb der Schule die Entwicklung von Resilienz zusätzlich stärken kann.