Zu Wort

Im Gespräch mit Margit Schauer (vormals Lintner) vom Patenfamilienangebot für Kinder psychisch belasteter Eltern bei Styria vitalis. Warum die Stärkung der Resilienz gerade bei diesen Kindern besonders wichtig ist und wie Lehrkräfte betroffene Kinder unterstützen können, erfahren Sie in diesem Interview.

Zur Person: Margit Schauer ist Psychologin und Pädagogin, seit 2025 in Ausbildung zur Klinischen Psychologin und Ausbildung Adipositas bei Kindern und Jugendlichen beim Verein Down & Up.
Seit April 2021 bei Styria vitalis, Mitarbeiterin im Patenfamilienangebot für Kinder von psychisch erkrankten Eltern sowie im Intensivprogramm „easykids – Begleitung von 6- bis 14-Jährigen mit Übergewicht“.„ELLAplus“.
Energie sammelt sie bei gemeinsamer Zeit mit Menschen, die ihr am Herzen liegen, Spaziergängen in der Natur sowie beim Malen.

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Liebe Margit, was ist das Patenfamilienangebot für Kinder psychisch belasteter Eltern?

Es ist ein kostenloses Angebot für Kinder, deren Familienalltag aufgrund einer psychischen Belastung oder Krankheit anders ist. Mit anders meine ich, dass wichtige Erfahrungen der Kinder manchmal nicht gemacht werden können, wie beispielsweise Fahrrad fahren, Ausflüge mit der Familie machen, Konflikte lösen, Selbstbewusstsein entwickeln, unbeschwert mit Mama oder Papa zusammen lachen. Manche Kinder können auch nicht mit auf Schulausflüge, weil die psychische Belastung bereits so stark ist, dass es finanzielle Probleme in der Familie gibt. Das muss aber nicht bei allen so sein, aber eine psychische Belastung innerhalb der Familie ist in den meisten Fällen deutlich spürbar beim Kind und es hat Auswirkungen auf das aktuelle, aber auch spätere Leben. Im Patenfamilienangebot gibt es Menschen, die sich freiwillig engagieren und dem Kind Zeit schenken und für sie da sind, damit sie trotz der Erfahrungen in ihrer Familie viele entwicklungsförderliche Erlebnisse machen können. Dabei ist es unterschiedlich, ob das eine Einzelperson macht oder ein Paar, auch manchmal haben wir ganze Familien, die regelmäßig Zeit mit dem betroffenen Kind verbringen.

Welche Auswirkungen bei den Kindern im aktuellen und späteren Leben meinst du?

Es wirkt sich auf das Erleben in der Kindheit aus. Wenn das Kind sieht, dass die Mama den ganzen Tag nicht gut aus dem Bett kommt, beginnt das Kind sich Sorgen zu machen. Es wird beginnen, der Mama Frühstück ans Bett zu bringen oder die Einkäufe für sie zu erledigen. Bei Geschwistern könnte es sich vielleicht um die jüngeren kümmern und dabei völlig die eigenen Bedürfnisse außer Acht lassen. Oder wenn der Papa so viele Ängste hat, dass das Kind nicht Fahrrad fahren lernen kann, weil seine Angst so stark ist, dass es einen Unfall haben könnte, dann beeinflusst das sehr stark die Kindheit und viele „Bildungslücken“ entstehen dadurch für die Kinder, die weit bis ins Erwachsenenleben bestehen. Nebenbei bemerkt, ist das für die betroffenen Kinder noch schlimmer, wenn von anderen diese Lücken in der Schule beispielsweise bemerkt werden.

Wie kann Resilienz diesen Kindern helfen?

Aus der Forschung weiß man, dass etwa ein Drittel der betroffenen Kinder selbst psychisch gesund aufwachsen wird. Dazu braucht es Bezugspersonen, die für die Kinder eine Art Ausgleich schaffen. Das passiert konkret im Patenfamilienangebot mit ehrenamtlichen Menschen, die den Kindern helfen und sie in ihrer Resilienz stärken. Wenn mir jemand zeigt, dass beispielsweise Konflikte nicht schlimm sind, der mich vielleicht sogar damit konfrontiert und mir ein Vorbild ist, dann kann ich lernen, dass ich selbst mich auch in diese Richtung entwickeln und ein Selbstvertrauen gewinnen kann – auch wenn es zuhause schwierig ist. Resilienz ist ja die Fähigkeit, trotz widriger Umstände gut durchs Leben gehen zu können – wenngleich das nicht bedeutet, niemals Krisen zu erleben. Es bedeutet viel mehr, in einer Krise handlungsfähig zu bleiben. Ich kann mich zum Beispiel bei meiner Patin bzw. meinem Paten melden, und um Rat fragen, weil ich gelernt habe, dass ich der Person vertrauen kann und dass diese für mich da ist, wenn es Mal nicht so einfach ist. Oder ich habe in guten Zeiten darauf geachtet, was mir gut tut und in einer Krise erinnere ich mich daran zurück, dann habe ich das Gefühl, ich habe es unter Kontrolle und nicht die Situation über mich. Und jedes Mal, wenn ich in so einer Krise stecke und handlungsfähig bleibe, bin ich gestärkt für die nächste, die kommen wird.

Was ist mit den anderen zwei Dritteln der betroffenen Kinder?

Eine psychische Krankheit bei einem Elternteil kann ein erhöhtes Risiko für die Kinder bedeuten. Es sind hier aber sehr viele Faktoren daran beteiligt und es wird noch sehr viel Forschung benötigen, um eindeutige Marker zu identifizieren. Fakt ist, dass mit vielen Risikofaktoren auch immer mehr Schutzfaktoren benötigt werden. Und wenn wir beim Thema Resilienz sind, dann wäre das ein zweiter Elternteil ohne psychische Krankheit, eine stabile Bezugsperson außerhalb der Familiendynamik, Persönlichkeitsfaktoren, FreundInnen und ganz viele weitere, die aber oft sehr individuell sind. Manchmal sind es zufällige Möglichkeiten oder Begegnungen, gewisse Schlüsselmomente, die ganz viel bewirken können.

Im Patenfamilienangebot sind es ja die ehrenamtlichen Menschen, die für die betroffenen Kinder da sind. Wer kann noch eine Unterstützung sein?

Sehr wichtig kann hier auch die Schule sein. Lehrer*innen sind prinzipiell schon eine sehr wichtige Bezugsperson. Und für die betroffenen Kinder umso mehr. Die Kinder fallen in der Schule manchmal nicht auf, sie sind überangepasst, möchten ja nicht zu viel auffallen, leisten oft sehr viel und neigen zum Perfektionismus. Bei manchen hingegen hat man das Gefühl, diese machen nur Probleme und sind extrem auffällig. Daher ist Schule ein grundsätzlich guter Ort dafür, die Kinder zu stärken – auch wenn ich vielleicht gar nicht merke, welches Kind tatsächlich betroffen ist – ich kann die ganze Klasse mit Übungen und Materialien stärken und ihnen zeigen, dass man für sich selber was Gutes tun kann, dass man wichtig ist in der Welt und dass man aus eigener Kraft sehr viel schaffen kann, wenn man an sie glaubt. Schule kann allein schon wegen den Strukturen den betroffenen Kindern einen wichtigen Halt geben. Daher ist es für viele dann schwierig, wenn die Ferienzeit kommt, denn dann wissen sie, dass es langweilig werden wird oder Mama / Papa in dieser Zeit besonders belastet und gestresst sind. Die betroffenen Kinder sind gleichzeitig einem erhöhten Mobbingrisiko ausgesetzt, viele Mitschüler*innen merken, dass etwas anders ist bei den Kindern. Diese Andersartigkeit (der Elternteil kommt beispielsweise immer unzuverlässig das Kind abholen, Kind kann nicht auf Schulausflüge mit aufgrund geringer finanzieller Mittel, etc.) kann zu Ausgrenzung oder gar Mobbing führen. Daher gilt es hier, als Lehrkraft besonders sorgsam zu sein.

Du bist ja Mit-Entwicklerin der Unterrichtsmaterialien ELLA. Inwiefern profitieren Lehrer*innen, wenn sie die sozial-emotionalen Kompetenzen der SchülerInnen fördern?

Ja, das ist tatsächlich einer der für mich berührendsten Erkenntnisse, wenn wir den Lernzuwachs für LehrerInnen durch die Anwendung und die Beschäftigung mit den ELLA-Themen wahrnehmen. Zu Beginn des Trainings fragen LehrerInnen oft – Mache ich das richtig? Was habe ich falsch gemacht? Und im Laufe des Trainings nimmt die individuelle Sicherheit zu, dass ja die ganze Bandbreite von Gefühlen willkommen ist und dass es eigentlich nicht um Gelingen oder Nicht-Gelingen geht, sondern darum, immer wieder neu hinzuschauen – Okay, das zeigt sich jetzt. Wie können wir das weiter nutzen? Emotionale Kompetenz entsteht dann in der bewussten Anerkennung dessen, was sich zeigt und wie wir damit umgehen können. Dass wir da erleben können, das fühlt sich gut und stimmig an. Das macht Sinn, weil es uns guttut und auch leitet in einer veränderten Haltung miteinander. Ziel ist ja nicht die Vermeidung von negativen Emotionen oder Konflikten, sondern den Umgang damit zu lernen. Und ob es gelingt, liegt wieder nicht nur bei der einzelnen Lehrer*in, diese Haltung würde wieder die unerfüllbaren Ansprüche nähren. Wir können den Boden für potentielles Gelingen bereiten und ob es gelingt, liegt nicht nur an uns. Wir können offen sein für das, was ist und dem Raum geben, was gerade da ist. Ob es gelingt, ist ein Geschenk.
Dabei ist für uns eine neue Forschungsfrage aufgetaucht: Wie verändert sich die sozial-emotionale Kompetenz der Lehrer*innen durch die Arbeit mit ELLA? Werden sie feinfühliger? Werden sie sicherer im Umgang mit dem, was sich zeigt?

Möchtest du noch etwas sagen?

Wichtig ist mir noch zu sagen, dass die betroffenen Eltern natürlich nicht absichtlich den Kindern gewisse wichtige Erfahrungen nicht bieten können. Es geht um psychische Krankheit und Belastungen und die Eltern hadern meist sehr damit, ihrem Kind nicht alles ermöglichen zu können. Daher möchte ich auch Danke an alle Eltern sagen, die sich überwinden und diese Form der Unterstützung bereit sind, anzunehmen. Es gibt beträchtlich viele Kinder, die eine weitere Bezugsperson brauchen. Daher freue ich mich auch immer über Menschen, die sich hier freiwillig einbringen möchten. Denn: ganz Kleines kann sehr Großes bewirken – das sehe ich in meiner jahrelangen täglichen Arbeit. Und das Wunderbare daran ist, es tut nicht nur dem Kind gut, sondern man tut auch für seine eigene Gesundheit etwas Gutes, wenn man jemand anders hilft, das zeigen aktuelle Forschungsergebnisse deutlich. Hier möchte ich auf die ABC-Initiative noch hinweisen, wo das C für commit steht.

Danke für das Gespräch!